Die Legende von der weißen Räbin
»Vielleicht«, hatte Lia, die Göttin des Lichts, gesagt, »vielleicht sind ja nicht alle Raben schwarz und es gibt andere, weiße vielleicht. Das kannst du nicht wissen!«
»Ich kann es wissen, denn ich bin Hoenir, der Gott des immerwährenden Waldes, die Blätter und der Wind haben mir nichts zugeflüstert. Das ist ein Affront gegen mich, Weib!«
»Gerade du, nennst mich nicht Weib!«, flüsterte sie. Und Hoenir musste seine pelzigen Ohren spitzen, um zu verstehen. »Weißt du, was passiert, wenn das Licht auf die Dunkelheit trifft? Weißt du es, ehrenwerter Hoenir?«
Hoenir wusste es nicht und es war ihm auch egal. Weiße Raben in seinem Wald, na das wäre ja wohl der Anfang vom Ende.
»Es gewinnt immer das Licht!«, sprach Lia leise und die silbrigen Blätter des Weltenbaumes klingelten, sie trugen es Hoenir zu. »Gewinnt das Licht…gewinnt das Licht!«, säuselte der Wind.
Einst, als die Welt noch jung und frisch wie Morgentau war, flog der weiße Rabe hoch, sie flog so hoch wie die Sonne und wenn sie durch das Licht flog, so verschwand sie, weil ihre Federn, die gleiche Farbe wie das Licht selbst hatten.
Sie hieß Synthis und sie war aus einem sehr mächtigen, liebevollen Gedanken geboren wurden – ihre Macht war groß und es war an der Zeit einen gewissen Waldgott eines Besseren zu belehren.
Die weiße Räbin konnte Hoenir nicht finden, sie rief von den Tannen, ihr Krächzen hallte in den Schluchten und fiel auf das wilde Wasser. Aber Hoenir ruhte zwischen den Wurzeln des Weltenbaumes. Er wollte von nichts wissen und schmollte.
Doch etwas Ungutes war aus den Grüften des Tartos gestiegen und quoll wie Nebel über das Land. Es war der Zauberer Ischmir, der sehr viel Macht auf der Dunklen Seite erworben hatte.
Leider reichte ihm das nun nicht mehr und er setzte alles daran der Herr über das Helle Land zu werden. Dazu hatte er ein Spinnennetz aus Zaubersprüchen gewebt, das jeden stoppte, der ihm nicht Geleit geschworen hatte. Synthis ruhte und als sie weiterflog, durchstieß sie einen üblen Zauber und ihr Herz setzte aus. Die weiße Räbin fiel und mit ihr fiel alle Hoffnung.
Doch Hoffnung ist nie vergebens, denn Synthis landete auf Hexen-Moos. Dieses Moos beschützte das Gute und machte die Räbin unsichtbar.
Tief im immerwährenden Wald stand der Baum Tam-Tam. Er war die Heimat von Ticki, dem Gott der List und seinen Ticki-Vögeln.
Ein kleiner Sperling hatte den Sturz der weißen Räbin beobachtet und auch wie er auf dem Moos verschwand.
Er bemerkte, wie sich Licht und Schatten in dem Wald änderten und graue Nebel wie Raubtiere über den Boden krochen. Auch vernahm er das Brüllen und Kreischen junger Flugdrachen.
Der Sperling Pepito war recht klein. Er schlüpfte schnell in ein Astloch und versteckte sich. Ledrige Flügel rauschten: »Weiß Flug-Ding sehr gefährlich ist!«
»Wo ist es? Pfui Deiwel!«
»Was tun?« »Leg Feuer, Irrwisch!«
Flammen züngelten am Stamm herauf und Pepito hatte schon seine Rechnung mit Mangoon gemacht, als er all seinen Mut zusammennahm und durch das Feuer flog.
Mit angesengtem Gefieder und klopfendem Herzen kam er bei Ticki an.
»Herr, Herr…bitte!« Er hämmerte mit seinem kleinen Schnabel an Tickis Tür.
»Was soll das? Der Herr geruht zu ruhen. Geh wieder!«, Salidor, Tickis goldener Star, wollte Pepito abschütteln.
»Bitte, bitte…am blauen Tannenhain ist ein weißer Rabe abgestürzt, sie ist in Gefahr!«, zwitscherte Pepito.
»Nein und nochmals nein! Mach die Fliege, Winzling!«
»Wer stört mich?«, donnerte es aus dem Baum, dass alle Vögel hochstoben. Nur Pepito zwang sich zu bleiben. Er war nur ein Federknäuel mit einem pochenden Herzen.
»Was ist, verdammt und zugenäht, hier los?«
Pepito berichtete. »Ein weißer Rabe? Ungewöhnlich!« »Hell wie das Licht!«, ergänzte der Sperling.
Ticki schlüpfte in seinen Rabenfedernmantel und begann zu krächzen. Die Ticki-Vögel kreisten über dem Baum Tam-Tam und sie zwitscherten und kreischten.
»Wir fliegen als eins – seid mein Schatten!«, befahl Ticki und die Vögel gehorchten ihm, weil sie mit ihm verwoben waren wie die Blume mit der Erde.
Im nahegelegenen Dorf brach unterdessen großer Unmut aus, der Einfluss des Zauberers, Ischmir, nahm zu. Seine Flugdrachen erstatteten Bericht.
»Ein weißer Rabe ist ein schlechtes Zeichen. Er zeigt die Stärke der hellen Götter!«
»Wie konntet ihr ihn entkommen lassen?«
»Sie fiel und war fort.«
Der dunkle Zauberer kratzte sich an seinem noch dunkleren Bart: »Hexen-Moos!«, kam es ihm in den Sinn: »Ich finde sie!«
»Wir finden sie!«, krächzte der Rabe, der alles weiß.
Glücklicherweise flogen die Ticki-Vögel wie ein Vogel und ihre Gemeinschaft konnte nichts durchdringen. Als Ticki die weiße Räbin erkannte, da setzte sein schwarzes Herz einen Schlag aus, denn das Hexen-Moos machte sie unsichtbar. Sie konnte nur von dem gesehen werden, der sie lieben würde und so bettete er sie in den Himmelsumhang.
»Sie ist wunderschön!«, meinte Ticki.
»Ja!«, bestätigte Pepito.
Die Ticki-Vögel flogen wie ein Vogel, sie trugen Synthis im Umhang und Ticki näherte sich ihr. »Wie geht es dir?«, fragte Ticki.
Die weiße Räbin stöhnte: »Ich muss etwas überbringen! Kannst du es für mich überbringen, Ticki?«
»Wem?«
»Hoenir!«
»Dem alten Miesepeter?«
»Bitte!«, bat Synthis.
Kleinen Kindern bringt man bei, dass Bitte ein Zauberwort ist und fürwahr, es ist vielleicht das stärkste Zauberwort an sich und es verfehlte auch diesmal nicht seine Wirkung,
Synthis legte Ticki etwas in den Schnabel, etwas sehr, sehr Kleines.
Am Rande der Zeit in Pylmania, wo Ticki den Strahl goldnen Lichtes sah, da war sein Sehnen gefangen.
Er sehnte sich fort, er sehnte sich hin, er sehnte sich in ihre Träume rin, in kurzen Nächten und in den langen.
Bring hin mein Pfand und trag es fort, nur du kannst zu dem anderen Ort!
Am Rande der Zeit in Pylmania, wo Ticki die weiße Räbin sah, da gab er sich selbst ein Versprechen: »Deine Liebe ist schön und hell wie das Licht, ich verspreche dir heut, ich enttäusche dich nicht!«
Ischmir grollte, aber die Ticki-Vögel hatten den weißen Raben und durchbrachen sein Netz und der Baum Tam-Tam war ein magischer Ort, entstanden durch uralte Schöpfungsmagie, gegen seinen Schutz war selbst er machtlos.
Sein Blick fiel auf den Gott der List und er wies seine Drachen Deiwel und Irrwisch an Ticki zu verfolgen und ihm seinen Standort mitzuteilen, denn er hatte wohl verstanden, dass Ticki ein wertvolles Gut mit sich führte.
Ticki war auch der Rabe, der alles weiß. Er spürte, dass er verfolgt wurde und er war unglaublich schnell.
»Wir kriegen ihn, wir kriegen ihn!«, kreischte Deiwel. Doch Ticki tauchte in den Kamin eines Bauernhauses und verharrte.
Bis die Drachen ihn überrundet hatten.
Ischmir schalt die Drachen: »Ihr seid zwei, er ist einer. Wie kann das passieren?«
»Ist schlau wie zwei!«, plapperte Deiwel. »Schnell wie zwei!«, ergänzte Irrwisch.
»Papperlapapp!«, schimpfte Ischmir und er gab den Drachen Augen mit, die er über die Jahre gesammelt hatte. Das, was die Augen sahen, das sah er auch.
Mit seiner bösen Telepathie, da grenzte er Ticki ein und beeinflusste ihn, sein Versteck zu verlassen. Überall in der Ook-Ahn-Siedlung hingen die Augen in den Wänden.
Sie sahen Ticki und Ischmir sah ihn auch. Der Zauberer reiste als Schatten.
Schon sah er den Raben fliegen. Ticki spürte ihn und er hörte ihn lachen.
Er würde ihn erreichen und ihm sein kostbares Gut entreißen. Es gab eine wilde Hatz. Doch mit letzter Willensanstrengung gelang es Ticki ihn noch einmal abzuschütteln und er machte einen Sturzflug in eine Gasse. Er war sehr erschöpft, aber er durfte die weiße Räbin nicht enttäuschen. »Noch einmal muss ich es schaffen! Noch einmal!«
Da verwandelte er sich in ein Baby und er schrie aus Leibeskräften.
Eine junge Amme kam des Weges, sah das verwaiste Kind und nahm es an sich. Die magischen Augen suchten den Gott überall und fanden ihn nicht, weil die Amme Ticki stillte, sahen sie beide als nur eine Person an.
Die Amme nahm das Kind mit in ihr Haus am Waldrand. Als sie jedoch des nachts schlief, da verwandelte sich Ticki in den Gott, der er eigentlich war und wohnte ihr bei.
Immer noch spürte er die Bedrohung.
»Es tut mir leid, ich muss dein Pfand in diese Frau pflanzen. Aber wir werden sehen,
weiße Räbin!«
Die Augen suchten ihn auch diesmal vergebens.
Der Leib der Frau rundete sich und als sie sich im Wald erleichterte, gelangte das Pfand, das in ihr gewesen war, auf den Waldboden. Es war ein Samen gewesen.
Aus ihm entsprangen wundersame, blaue Blümchen, sie waren bezaubernd und hatten ein Gesicht und einen eigenen Willen. Sie waren voller Magie und beschützten den Wald auch vor Ischmir.
Ischmir und seine Drachen zogen sich bald in den Tartos zurück. Es schien ihnen im Moment schwer die Macht zu übernehmen. Aber Ischmir versprach seinem Spiegel, es im nächsten Herbst besser zu machen.
Ticki besuchte Hoenir, der aus seiner Wurzelgruft gekrochen war.
»Hey, alter Pelzgeselle, wie geht es?« Hoenir freute sich ein wenig.
»Was führt dich hierher?«
»Es geht das Gerücht um, eine weiße Räbin soll hier ihr Unwesen treiben. Hast du sie gesehn?«
»Nein, Unwesen sagst du! Lia erzählte mir vor Kurzem. Aber…«
Synthis kam in ihrer Rabengestalt herangeflogen. Hoenir machte große Augen.
»Weißt du, was passiert, wenn Licht auf Dunkelheit trifft?«, fragte Ticki und Synthis verwandelte sich in die Göttin der Eifersucht, die sie eigentlich war.
Sie reichte Hoenir ein blaues Blümchen und der schnupperte daran.
»Ha…ha…hatschi!«, dies war das Niesen, aus dem die Motte Slotti geboren wurde.
Doch das ist eine andere Geschichte. 
Ende